Bewegte Jugend #1: Nazis

“Früher war alles besser”, sagen die Alten. Das sagten sie früher schon und blickten verächtlich auf ihr Jetzt, das heute unser Früher ist. Morgen werden die heute jungen mit verklärtem Blick auf unser Jetzt als “die gute alte Zeit” referenzieren. Davon gehe ich zumindest aus. Allein ich denke, wenn wir “besser” sagen, meinen wir in der Regel “einfacher”. Einfacher im Sinne von weniger komplex, klarer, sortierter. So hätten wir uns vor zwanzig Jahren zum Beispiel nie die Frage gestellt, ob es okay wäre, einem Nazi auf die Fresse zu hauen. Natürlich war es das! Die vor allem in den USA und in Großbritannien medial geführte Diskussion über dieses merkwürdige moralische Dilemma verfolge ich daher seit einigen Monaten mit mittelmäßigem Interesse und steigender Verwunderung. Früher waren die Fronten geklärt. Punks, Gruftis, Mods, Straight Edge Kids, Hip Hopper und sogar die meisten Popper und Hippies wären gar nicht auf die Idee gekommen, sich noch schnell mit den unterschiedlichen Perspektiven von Thoreau, Weber, Arendt und Rousseau auf das Thema auseinanderzusetzen, bevor sie zur Tat schritten. Gut, in der besagten Debatte setzt man sich ebenfalls wenig mit den Theorien der zuvor genannten auseinander, und wir hatten zu dem Zeitpunkt zumindest ein paar Seiten Marx, Locke und Stan Lee gelesen, um uns eine Meinung zu bilden, aber das ist hier nicht das zentrale Thema. Fakt ist, dass Nazis die Bösen waren, die man virtuell in Wolfensteins Castle umnietete und in der realen Welt boxte, so sich die Gelegenheit ergab. Warum das so war? Ganz einfach: Weil die Nazis Gewalt gegen alle anderen ausübten. Zumindest die paar Nazis, die wir vom Sehen und Boxen kannten. So viele gab es in meiner Filterblase der 90er Jahre, die sich zuerst in den Dortmunder Vororten und später in Berlin Kreuzberg befand, nicht. Die Situation wäre sicherlich weniger sortiert gewesen, wenn ich in Neubrandenburg aufgewachsen wäre. Bin ich aber nicht.

Die Nazis, die in unserem Teilrevier des Potts abhingen verlustierten sich in mehr oder minder organisiert durchgeführten Angriffen auf alle andere Jugendgruppen, die sich in ihrer Nähe rumtrieben. In der am dichtest besiedelten Gegend Deutschland musste man diese Nähe noch nicht einmal aktiv herstellen. Viel mehr bereitete es Mühe, das Weite zu suchen. Die offenkundige Grundaggression gepaart mit dem unverhohlen zur Schau gestellten Hass auf Gastarbeiter(kinder) und alle mit bunten Haaren, langen Haaren, schwarzen Klamotten, farbenfrohen Strickpullis, glänzenden Vespas, bunten Sneakers, roten Schnürsenkeln, Bob-Marley-Shirts, Baggy Jeans oder Basecaps, half ihnen nicht dabei, sich in die Top10 der beliebtesten Hoschis der Nachbarschaft zu zu spielen. So man einen oder zwei der Charmebolzen außerhalb ihrer Herde traf, gab’s für sie also folglich auf die Mappe. Aus Notwehr? Nö. Einfach nur, weil’s ging und weil sie’s verdient hatten. Und weil’s immer jemanden gab, der gerade zu rächen war.

Naja, zumindest wäre es so gewesen, wenn wir in einer idealen Welt gelebt hätten. Auch das war früher nicht besser. Tatsächlich waren die Faschos deutlich geübter darin, sich zu prügeln, so dass wir meist unser Heil in der Flucht suchten und unsere Gewaltphantasien auslebten, während wir uns beim gemeinschaftlichen Post-Leberhaken-Erbrechen gegenseitig die Haare aus dem Gesicht hielten. Hätten wir gekonnt, wie wir wollten, hätten wir jedoch ohne zu zögern zugeschlagen und sie fertig gemacht, keine Frage. Hätte, hätte…apropos Fahrradkette: Irgendwann rüsteten die Glatzen auf, und das Kräfteverhältnis war vollends zerstört. Vor Fäusten wegrennen war oftmals machbar, vor Gaspistolen eher weniger. So hatten wir zwar noch weniger Chancen unsere Ehre wieder herzustellen, aber dafür dann und wann einen weiteren Grund, gemeinsam zu Kotzen.

Unabhängig von der Wahl der Waffen – die Gewalt ging zu jeder Zeit von den Nazi aus. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum mich die Frage nach der moralischen Vertretbarkeit einer soliden Backpfeife für Vollidioten, die Hass zum Leitmotiv ihres Seins machen, so irritiert. Ich meine, wir sind im Pott groß geworden, unsere Eltern wählten alle SPD, auf unseren Gartenparties gab es Cevapcici, Köfte, Spaghetti, Frühlingsrollen und Gyros, verglichen mit dem Sprachgewirr, das überall herrschte, muss Babel ein Ort der Ruhe und Kontemplation gewesen sein. Wir fanden das dufte, und unsere Eltern fanden unsere roten Schnürsenkel und unsere vielfarbigen Freunde dufte. Vielleicht hatten die Nazis ja auch keine Eltern, und das war irgendwie der Fehler im System, ich weiß es nicht. Auf jeden Fall waren sie da. Und sie gehörten da nicht hin, und alle fanden sie scheiße, weil sie alle anderen scheiße fanden. Wir hatten keinen Bock auf Gewalt. Wir harrten gespannt dem neuen Social Distortion-, De La Soul-, Biohazard- oder Depeche Mode- Album und rangierten emotional stets stabil oberhalb der Depression, solange es eine solide Holland-Connection gab. Ganz ehrlich, wir hatten weder Verständnis, noch Zeit, noch bewegten wir uns schnell genug für irgendwelche politisch motivierten, kriegerischen Auseinandersetzungen. Die Frage aber, die Frage haben wir uns nie gestellt. Ob das richtig war oder falsch oder ob es heute richtig oder falsch ist, sich mit aufgeklärtem Blick aus einem anderen Winkel der Thematik “Nazis boxen ja/ nein”” zu nähern, weiß ich nicht. Aber ich weiß, das es damals einfacher war. Nicht nur für uns, nein, auch der gesellschaftliche Diskurs war klarer, da Gut und Böse eindeutig definiert waren. Streng genommen ist das heute immer noch so, allein wir haben offenbar in den letzten Jahren eine gewisse Bereitschaft dazu entwickelt, Schattenboxdiskussionen zu führen.

Ein Satz, der mit “das wird man doch wohl noch sagen dürfen” eingeleitet wurde, hat im Prä-Sarrazin keine Diskussion gezeitigt, sondern wurde zu Recht mit einem “kannst du, aber dann bist du halt ein dummes Arschloch” abgetan.

“Ja, aber ich fühle mich von der modernen Gesellschaft abgehängt und früher war sowieso alles besser.”

“Merkste selbst, oder?”

“Hä…?”

Das ist auch so ein Phänomen der heutigen Zeit: Auf einmal werden wir genötigt, rechtsradikale Entgleisungen im Lichte der sozialen Umstände des Verantwortlichen zu sehen. Wo kommt das denn bitte auf einmal her? Ich habe auf der Schule noch gelernt, dass das Werk eines Autors immer losgelöst von seiner Familiengeschichte, seiner Klassenzugehörigkeit und seinen amourösen Abenteuern zu interpretieren ist. Armut, auch geistige, war und ist noch nie eine Entschuldigung dafür, andere mit Hass und Gewalt zu überziehen. Wenn man sich missverstanden und abgehängt fühlt kann man ja auch andere Dinge machen, als Nazi zu werden. Andrea Berg hören zum Beispiel. Oder Drogen nehmen. Oder beides.

Das Jetzt ist immer komplexer als das Früher. Das ist keine Rechtfertigung dafür, ein Arschloch zu sein.

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