Das Goldfisch-Dilemma #1 – über Freud‘ und Leid des digitalen Angelns

Zuerst erschienen am 12. Januar 2016 auf newcast.net

In diesem Sommer habe ich meine sechsjährige Tochter erstmalig zum Fischen mitgenommen. Wir sind früh um sieben Uhr mit dem Boot hinausgefahren, haben an einer günstigen Stelle den Motor abgestellt, die Angeln ausgeworfen und warten. Ich angele gern. Vor allem, weil eben jenes Warten mir das Gefühl gibt, einer Tätigkeit nachzugehen, während ich nichts mache. Überhaupt nichts. Einfach nur sitzen und warten. Nach einer Weile – meine Tochter holt gerade wieder die Schnur ein – stößt die Angelnovizin ein erstauntes „Papa, ich habe einen Fisch“ aus. In meiner erwachsenen Arroganz denke ich, dass sie den unter der Oberfläche funkelnden Blinker für ein Tier hält, doch weit gefehlt. Tatsächlich hängt ein kleiner, vorspeisentauglicher Steinköhler am Haken. Ich helfe ihr, den Fisch einzuholen und gratuliere zum ersten Fang.

Warum sie einen gefangen hätte und ich nicht, will sie wissen. Ich rede mich mit Glück und Geduld heraus und stelle die gewagte These auf, die Zielgruppe (in diesem Fall: dorschartige Fische) hätte möglicherweise eine höhere Affinität zu ihrem pinken, als zu meinem blauen Blinker.

Da spricht sie, meine ganze Menschenfischererfahrung: Bei identischer Media-Architektur macht die Kreation den Unterschied. Warum sollte das im Schleppnetz anders sein als im Internetz?

Wieder an Land versuche ich sogleich die wohlfeile Angelmetapher mit Daten zu verifizieren.

Bei Mensch, wie Fisch, ist für Verarbeiten und Bewerten von Informationen das Großhirn zuständig.

Der Goldfisch legt für diesen Vorgang eine durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne von neun Sekunden an den Tag. Der gemeine Steinköhler wird sicher ähnlich ADHS geplagt sein. Klar. Ist ja auch nur ein Fisch.

Wir Menschen hingegen, deren Großhirn deutlich größer ist, wir gucken uns 30sekündige Fernsehspots an, betrachten Zeitungsanzeigen und klicken nach eingehender Lektüre der Copy auf Banner, um zu signalisieren, dass wir Dank werblicher Beschallung von der Existenz des pinkfarbenen Blinkers wissen, uns weiter mit ihm beschäftigen wollen und möglicherweise sogar in Betracht ziehen, ihn kostenpflichtig zu schlucken. Wir können die Kommunikationsmittel drei weiterer Blinkeranbieter parallel verarbeiten, sie – nachdem wir ihnen ausgesetzt waren – fehlerfrei rezitieren und schließlich eine aufgeklärte Entscheidung treffen. So sieht’s aus. Krone der Schöpfung. Unsere durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne beträgt nämlich sage und schreibe….bitte was?! Acht Sekunden?! Das ist ja weniger als bei dem dusseligen Fisch… Unmöglich!

Laut einer im Frühjahr 2015 von Microsoft veröffentlichten Studie, kann sich also der possierliche Carassius auratus länger konzentrieren als Gottes Ebenbild. Mein erster Gedanke ist, „Formelfehler in AD 107“, beginne dann jedoch zügig, mich mit der Situation auseinanderzusetzen. Multi-Screening, Social Media Nutzung und Ad-hoc-Medienkonsum zwingen die Nutzer förmlich, sich anzupassen. Es müssen immer mehr Informationsquellen in immer kürzerer Zeit verarbeitet werden. Die längere Konzentration auf „nur“ eine Sache bleibt auf der Strecke. Andererseits sind gerade Social Media Junkies dazu in der Lage in kurzen „attention bursts“ eine Vielzahl von Informationen (oberflächlich) zu memorieren.

Na, prima. Dann ist doch alles ganz einfach: Ich ballere meinem Zielnutzer einfach so oft wie möglich meinen pinkfarbenen Blinker um die Ohren. Wenn ich jede Fläche, an der er im Netz vorbei kommt, beklebe, addiert sich die Aufmerksamkeit, die er meiner Botschaft schenkt, und nach drei Kontakten hat er mir schon 24 Sekunden seiner wertvollen Zeit geschenkt. Ich würde sagen, der Fisch ist so gut wie am Haken. Schauen wir doch einmal spaßeshalber, welche Flächen geeignet wären.

Wie und wo ist meine Zielperson (jung, kaufkräftig, solide Bildung) im Netz unterwegs? Mobil ist sie, die Zielperson, da sind sich alle einig. Mobil ist sie, und sie nutzt das Internet, um sich zu informieren, in sozialen Netzwerken aktiv zu sein, via Messenger zu kommunizieren, ein Car2Go zu spotten und schnell mal Musik oder Klamotten zu shoppen. Das ist übersichtlich. Sollte kein Problem sein, meinen Blinker unters Volk zu bringen. Jetzt nur noch überall gut sichtbar omnipräsent sein. Es gilt, die richtigen Flächen auszuwählen, um überall auf der mobilen Journey meiner Zielgruppe Kontakte zu machen und die verirrten Schäflein auf den richtigen Weg zurück zu führen. Nichts leichter als das. Billboards! Nein? Okay, dann nicht. Wie sieht’s aus mit Expandable Rich Media Gedöns? Klappt auch nicht. Aber für ein gepflegtes Medium Rectangle, schön programmatisch eingekauft und ausgespielt, sollte doch wohl genug Platz sein. Auch nicht…verstehe. Sollte es wirklich so sein, dass die an keiner einzigen, beklebbaren Fläche vorbeikommen, während sie fröhlich mobil vor sich hin netzwerken, kommunizieren, spotten und shoppen? Ja, die These hält auch einer weiteren Überprüfung Stand.

Meine Zielgruppe hat tagsüber keine klassischen, digitalen Werbekontakte. Woran liegt das? Ganz einfach: Menschen lesen, was sie interessiert.

Howard Luck Gossage erweist sich auch knapp 50 Jahre nach seinem Tod noch als Prophet. So weit, so wenig überraschend. Die digitale Welt leistet der zitierten menschlichen Eigenschaft indes noch weiter Vorschub. Und das hätte sich selbst Mr Gossage nicht zu träumen gewagt. Meine Zielgruppe muss sich nicht einmal in selektiver Wahrnehmung versuchen – eine Übung, die sie längst gelernt hat – nein, sie kann einfach ihre komplette Journey an Inhalten und nicht an Absendern ausrichten.

Die wichtigsten News des Tages gibt’s nicht mehr nur in der Tagesschau und in der FAZ. Die wichtigsten News des Tages findet meine Zielgruppe in ihren Newsfeeds auf Facebook und Twitter. Die Absender sind die selben und viele mehr. Viele neue. Sie alle – die alten, wie die neuen – haben acht Sekunden Zeit, um mich (ich identifiziere mich kurz mit meiner Zielgruppe. Sorry dafür…) in ihren Bann zu ziehen. Es gibt keine Ablenkung durch eine 1/1 4c hier und einen Homepage-Takeover da. Was mich ablenkt, ist das offene Chat-Fenster rechts unten, Jimmy Fallon’s “History of Rap” im Hintergrund und die Frage, ob die 3D-Experience des neuen 911ers wirklich länger lädt, als zwei Folgen House of Cards.

Ich will Informationen. Schnelle Informationen. Ich entscheide innerhalb von acht Sekunden, ob ich dran bleibe oder Kevin Spacey erliege.

Ich will die Informationen da, wo ich bin. Ich will nicht gezwungen werden, mich irgendwohin zu bewegen, wo ich nicht sein möchte. Ich will gute Produkte kaufen. Ich will Geld ausgeben. Ich will abgeholt werden. Abgeholt werden aus dem Zielgruppenparadies, in dem es keine Werbung gibt. Hier gibt es Inhalte. Hier gibt es das, was mich interessiert. Gib mir das oder verschwinde. Ich mache die Regeln. Du darfst mitspielen. Hast du das drauf?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s